Ratgeber für Eltern
Besser konzentrieren beim Lernen: der große Überblick für Eltern
Kaum ein Satz fällt am Nachmittag so oft wie dieser: Jetzt konzentrier dich doch mal. Und kaum ein Satz hilft so wenig. Denn Konzentration lässt sich nicht auf Zuruf herstellen, weder bei Erwachsenen noch bei Kindern. Sie hängt von einer ganzen Reihe von Bedingungen ab, die viele Eltern gar nicht auf dem Schirm haben und die sich zu Hause erstaunlich leicht verbessern lassen.
Gerade zum Schuljahresbeginn taucht die Frage in vielen Berliner Familien wieder auf. Nach den Sommerferien fällt es fast allen Kindern schwer, sich wieder eine Stunde am Schreibtisch zu sammeln. Dieser Artikel sortiert, woran das liegt und wo Sie ansetzen können.
Warum Konzentration keine reine Willensfrage ist
Viele Eltern erleben die Unruhe ihres Kindes als mangelnden Willen. Dabei ist Konzentration in erster Linie ein Zustand des Körpers. Das Gehirn eines Kindes verbraucht einen erheblichen Teil der gesamten Energie des Körpers. Fehlt Schlaf, fehlt Flüssigkeit oder fehlt Bewegung, sinkt die Leistung sofort, ganz unabhängig davon, wie sehr sich Ihr Kind anstrengen möchte.
Das ist eine gute Nachricht. Denn während man an Motivation nur mühsam etwas ändert, lassen sich die körperlichen Grundlagen mit wenigen Gewohnheiten deutlich verbessern. Und oft merken Familien den Unterschied schon nach ein bis zwei Wochen.
Körper und Gehirn: Schlaf, Trinken, Essen, Bewegung
Der wichtigste Punkt ist der Schlaf. Im Schlaf sortiert das Gehirn ein, was tagsüber gelernt wurde. Ein Grundschulkind braucht in der Regel zehn bis elf Stunden, ein Jugendlicher immer noch etwa neun. Wer regelmäßig zu kurz schläft, kann am Schreibtisch kaum etwas ausrichten. Wenn Sie nur eine einzige Sache verändern wollen, dann diese.
Fast genauso wirksam und viel schneller umgesetzt ist das Trinken. Schon ein leichter Flüssigkeitsmangel macht müde und zerstreut. Stellen Sie Ihrem Kind ein Glas Wasser an den Arbeitsplatz, ohne Aufhebens darum zu machen. Wasser oder ungesüßter Tee sind ideal, gesüßte Getränke bringen einen kurzen Schub und danach ein Tief.
Ähnlich verhält es sich beim Essen. Ein Schokoriegel vor den Hausaufgaben wirkt zehn Minuten, dann rutscht der Blutzucker ab und die Unruhe ist größer als vorher. Besser sind Dinge, die langsam Energie abgeben: Vollkornbrot, Obst, Nüsse, Joghurt, ein Stück Käse. Das ist kein Ernährungsprogramm, sondern nur die Frage, was in der halben Stunde vor dem Lernen auf dem Teller liegt.
Und schließlich die Bewegung. Kinder sitzen in der Schule schon viele Stunden. Wer direkt danach an den nächsten Schreibtisch wechselt, hat kaum eine Chance. Zwanzig Minuten draußen, mit dem Rad um den Block oder auf dem Spielplatz, sind keine verlorene Zeit, sondern die Vorbereitung auf das Lernen. Frische Luft und Bewegung bringen Sauerstoff ins Gehirn und bauen die Anspannung des Schultags ab.
Ein Ding nach dem anderen: warum Multitasking bremst
Viele Kinder sind überzeugt, sie könnten mehreres gleichzeitig. Vokabeln lernen, nebenbei eine Nachricht beantworten, dabei Musik hören und noch schnell etwas nachschlagen. Tatsächlich kann das Gehirn nicht zwei Dinge gleichzeitig bewusst bearbeiten. Es springt hin und her, und jeder Sprung kostet Zeit und Kraft. Nach einer Unterbrechung braucht es mehrere Minuten, bis der Faden wieder da ist.
Deshalb lohnt sich eine ganz einfache Regel: eine Aufgabe, ein Fach, ein Heft. Alles andere räumen Sie vom Tisch, auch die Sachen der nächsten Aufgabe. Ein aufgeräumter Arbeitsplatz ist kein Selbstzweck, er nimmt dem Kopf ständige kleine Ablenkungen ab. Und die Hausaufgaben werden nacheinander erledigt, nicht parallel angefangen.
Wie lange kann sich mein Kind überhaupt konzentrieren?
Diese Frage stellen Eltern uns sehr häufig, und sie entlastet meistens sofort. Als grobe Faustregel gilt: Ein Kind kann sich etwa doppelt so viele Minuten am Stück wirklich konzentrieren, wie es Jahre alt ist. Bei einem Siebenjährigen sind das rund fünfzehn Minuten, bei einem Zehnjährigen etwa zwanzig, bei Jugendlichen ungefähr dreißig. Das sind Durchschnittswerte, und Tagesform, Schlaf und Interesse verschieben sie in beide Richtungen deutlich.
Wenn Ihr Kind also nach zwanzig Minuten anfängt zu zappeln, ist das kein Versagen, sondern normal. Planen Sie die Lernzeit in kurzen Blöcken mit echten Pausen dazwischen. Eine Pause heißt dabei: aufstehen, trinken, aus dem Fenster schauen, sich strecken. Nicht: schnell aufs Handy. Denn dann ist der Kopf voller neuer Reize, statt sich zu erholen.
Umgebung und Handy
Zwei Punkte gehören noch dazu, wir haben sie an anderer Stelle ausführlich behandelt. Ein fester, ruhiger Platz und feste Zeiten nehmen dem Nachmittag viel Reibung, dazu lesen Sie mehr in unserem Ratgeber Hausaufgabenstress lösen. Und das Smartphone ist der stärkste einzelne Störfaktor am Schreibtisch, selbst wenn es stumm daneben liegt. Wie Sie handyfreie Lernzeiten einführen, ohne dass daraus ein täglicher Machtkampf wird, steht in Handy weg, Kopf frei.
Wann Unterstützung von außen guttut
Manchmal liegt es aber gar nicht an Schlaf, Handy oder Pausen. Kinder wirken auch dann unkonzentriert, wenn sie den Stoff nicht verstehen. Wer nicht weiß, wie eine Aufgabe geht, sucht sich innerlich etwas anderes. Was von außen wie Zerstreutheit aussieht, ist dann in Wirklichkeit Überforderung, und die verschwindet nicht durch mehr Disziplin, sondern durch Erklären.
Genau hier hilft Einzelunterricht zu Hause. Eine Lehrkraft sieht sofort, an welcher Stelle der Faden reißt, und kann das Tempo anpassen, statt an einer Gruppe entlangzuarbeiten. Häufig geht es dabei um Mathe, Deutsch oder Englisch, und gerade in der Grundschule lohnt es sich, Grundlagen früh zu sichern. Wenn Ihr Kind wieder weiß, was es tut, kommt die Konzentration oft von selbst zurück. Wie Sie Ihr Kind Schritt für Schritt zu mehr eigener Verantwortung führen, lesen Sie außerdem in Selbstständig lernen.
Fazit
Konzentration ist nichts, was ein Kind einfach haben oder nicht haben kann. Sie wächst aus ausreichend Schlaf, genug Flüssigkeit, vernünftigem Essen, Bewegung, ruhiger Umgebung und der Ruhe, eine Sache nach der anderen zu tun. Fangen Sie mit einem einzigen Punkt an, am besten mit dem Schlaf, und geben Sie sich zwei Wochen Zeit. Sie werden überrascht sein, wie viel sich damit schon bewegt.
Häufige Fragen
Darf mein Kind beim Lernen Musik hören?
Das kommt auf die Aufgabe und auf die Musik an. Bei Routineaufgaben wie Abschreiben oder Ausmalen stört ruhige Musik meist nicht, manchen Kindern hilft sie sogar, den Lärm der Umgebung auszublenden. Sobald es aber ums Lesen, Verstehen oder Textschreiben geht, konkurriert Musik mit Text um dieselbe Aufmerksamkeit. Faustregel: je anspruchsvoller die Aufgabe, desto stiller sollte es sein. Probieren Sie es aus und vergleichen Sie das Ergebnis, nicht das Gefühl Ihres Kindes.
Mein Kind zockt stundenlang, kann aber keine zwanzig Minuten lernen. Wie passt das zusammen?
Das ist kein Widerspruch und auch kein Beweis für fehlenden Willen. Ein Spiel liefert ständig neue Reize, sofortige Rückmeldung und kleine Erfolgserlebnisse. Schulstoff tut das nicht, hier muss die Aufmerksamkeit von innen gehalten werden, und das ist die deutlich anstrengendere Form. Beides trainiert also nicht dasselbe. Hilfreich ist, das Lernen ein wenig in diese Richtung zu verschieben: kurze Abschnitte, sichtbarer Fortschritt, am Ende ein klares Ergebnis.
Ist eine Konzentrationsschwäche schon ein Zeichen für ADHS?
In den allermeisten Fällen nicht. Konzentrationsprobleme haben sehr viele Ursachen: Müdigkeit, Stress, Sorgen, Überforderung im Stoff oder schlicht zu wenig Bewegung. Bevor überhaupt jemand an eine Diagnose denkt, lohnt es sich, genau diese Punkte in Ruhe anzuschauen: ausreichend Schlaf, Zeit ohne Bildschirm und ständige Reize, viel Bewegung und frische Luft, dazu eine Arbeitsweise, die zu diesem einen Kind passt. Bei vielen Kindern verändert das mehr, als Eltern erwarten.
Ist die Unruhe sehr stark ausgeprägt, besteht sie schon lange und leidet Ihr Kind spürbar darunter, kann eine fachliche Abklärung ein Weg sein. Dazu gehört aus unserer Sicht aber auch eine ehrliche Auskunft: Nicht selten folgt auf eine Diagnose eine medikamentöse Behandlung, und über deren Nutzen wird bis heute sehr kontrovers diskutiert. Wir persönlich sehen diesen Weg skeptisch. Wir maßen uns ausdrücklich nicht an, das allgemeingültig zu beurteilen, und geben hier bewusst keine Empfehlung ab, weder dafür noch dagegen. Das ist eine Entscheidung, die jede Familie mit den Menschen ihres Vertrauens für sich treffen muss. Unser eigener Ansatz ist ein anderer: Wir möchten Kinder stärken, statt sie passend zu machen. Diesem Thema widmen wir demnächst einen eigenen Ratgeber, unter anderem mit einem Vater, der für seinen Sohn eine eigene Lernsoftware entwickelt hat, die auf Kinder mit ADHS zugeschnitten ist.
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