Ratgeber für Eltern
Jedes dritte Kind: Woran Berliner Eltern eine echte Lernlücke erkennen
Kurz gesagt: Die Zahl stimmt, sie meint aber nicht, dass jedes dritte Kind nicht lesen kann. Gemessen wurde bei 15-Jährigen, ob sie einen Text sicher genug verstehen, um damit etwas anzufangen. Zu Hause erkennen Sie eine Lücke weniger an der Note als daran, wie mühsam Ihr Kind arbeitet. In Berlin geben Ihnen die Vergleichsarbeiten, die ersten Klassenarbeiten und der Elternsprechtag verlässlichere Auskunft über Ihr eigenes Kind als jede bundesweite Studie.
Am 8. September sind die neuen PISA-Ergebnisse erschienen, und seitdem steht in vielen Berliner Küchen dieselbe Frage im Raum. Ein Drittel der 15-Jährigen in Deutschland erreicht die Grundkompetenzen im Lesen und im Rechnen nicht mehr. Ist mein Kind dabei? Die Frage kommt zu einem Zeitpunkt, an dem das Berliner Schuljahr gerade ein paar Wochen alt ist, die ersten Arbeiten zurückkommen und die Elternabende laufen. Sie lässt sich beantworten, allerdings nicht mit der Studie selbst. Die sagt etwas über eine ganze Altersgruppe, nichts über Ihr Kind.
Was PISA wirklich gemessen hat
Getestet wurden 15-Jährige, in Berlin also im Wesentlichen Jugendliche in Klasse 9. Wer die sogenannte Kompetenzstufe II nicht erreicht, dem fehlen die Grundlagen, um im Alltag, in einer Ausbildung und im Beruf sicher zurechtzukommen. Das ist etwas anderes als Analphabetismus. Diese Jugendlichen können lesen und sie können rechnen. Sie scheitern daran, aus einem längeren Text das Wesentliche herauszuziehen oder eine Aufgabe zu lösen, die nicht genauso aussieht wie die geübte.
In Zahlen: Im Lesen verfehlen rund 32 Prozent diese Stufe, in Mathematik rund 34 Prozent. Beide Anteile haben sich seit 2015 etwa verdoppelt. Gleichzeitig ist die Gruppe der besonders starken Jugendlichen geschrumpft, im Lesen von 12 auf 7 Prozent. Es geht also nicht nur um die unteren Ränge, es rutscht das ganze Feld.
Warum gute Noten keine Entwarnung sind
Der Punkt, der Eltern am meisten überrascht: Note und Kompetenz sind nicht dasselbe. Eine Drei in Mathematik kann bedeuten, dass Ihr Kind die Rechenwege sicher beherrscht. Sie kann auch bedeuten, dass es die Aufgabentypen der letzten Arbeit auswendig gelernt hat und bei einer ungewohnten Textaufgabe sofort aussteigt. Beides ergibt dieselbe Ziffer auf dem Zeugnis.
Deshalb lohnt der Blick auf etwas anderes als die Note, nämlich auf den Aufwand. Ein Kind ohne Lücke braucht für eine Seite Text ungefähr so lange wie seine Mitschülerinnen und Mitschüler. Ein Kind mit Lücke kommt auf dieselbe Drei, hat dafür aber den halben Sonntag gebraucht und war danach fertig.
Die Anzeichen, die Sie zu Hause sehen
Es gibt ein paar Beobachtungen, die verlässlicher sind als jedes Bauchgefühl. Beim Lesen ist es die Flüssigkeit. Stockt Ihr Kind noch in Klasse 5 oder 6 bei mehrsilbigen Wörtern, liest es monoton, ohne die Satzmelodie mitzunehmen, oder muss es einen Satz zweimal lesen, um ihn zu verstehen, dann geht zu viel Kraft ins Entziffern und zu wenig ins Verstehen. Lassen Sie sich eine Seite aus dem eigenen Schulbuch laut vorlesen, das genügt als Eindruck.
Beim Rechnen ist es der Umgang mit Textaufgaben. Wenn Ihr Kind die reine Rechnung kann, bei einer eingekleideten Aufgabe aber nicht weiß, welche Zahlen es überhaupt nehmen soll, fehlt nicht das Rechnen, sondern das Verstehen der Aufgabe. Ein zweites Zeichen ist der Griff zum Taschenrechner bei Aufgaben, die eigentlich im Kopf gehen. Und ein drittes, das nichts mit einem Fach zu tun hat: Ihr Kind schiebt Hausaufgaben in genau einem Fach immer wieder auf. Kinder meiden zuverlässig das, wobei sie sich unsicher fühlen.
Was Berlin Ihnen über Ihr Kind verrät
Hier sind Sie deutlich besser dran als mit einer internationalen Studie. In Berlin schreibt Ihr Kind in Klasse 8 die Vergleichsarbeiten VERA in Deutsch, Mathematik und Englisch, im kommenden Durchgang zwischen dem 8. Februar und dem 25. März 2027 und erstmals digital. Diese Arbeiten zählen nicht für das Zeugnis, und genau das macht sie wertvoll: Sie zeigen den Stand, ohne dass jemand für sie büffelt. Neu ist außerdem, dass es im Schuljahr 2026/27 erstmals Wiederholungstestungen in Klasse 4 und Klasse 9 gibt, also genau in der Jahrgangsstufe, über die PISA gerade spricht.
Dazu kommen die Rückmeldungen, die ohnehin ins Haus stehen. Fragen Sie am Elternsprechtag nicht, ob alles in Ordnung ist, denn darauf lautet die Antwort fast immer ja. Fragen Sie konkret: Kommt mein Kind mit den Texten im Unterricht mit? Arbeitet es selbstständig oder wartet es auf Hilfe? Diese beiden Fragen bringen mehr als eine Stunde Notenbesprechung.
Was jetzt hilft, und was eher schadet
Die häufigste Reaktion auf Schlagzeilen wie diese ist die falsche, nämlich mehr Arbeitsblätter. Wer eine Lücke hat, hat sie nicht aus Mangel an Material. Mehr vom Gleichen bestätigt dem Kind nur, dass es zu langsam ist, und der Nachmittag wird zum Schlachtfeld.
Was hilft, ist kleiner und unspektakulärer. Zehn Minuten laut lesen am Tag verändern die Leseflüssigkeit innerhalb weniger Wochen spürbar, und zwar mit einem Buch, das Ihr Kind selbst ausgesucht hat. Bei Textaufgaben hilft es, die Aufgabe erst in eigenen Worten nacherzählen zu lassen, bevor überhaupt gerechnet wird. Und der wichtigste Punkt: Eine Lücke schließt man dort, wo sie entstanden ist, nicht dort, wo der Stoff gerade steht. Wer Brüche nicht sicher kann, kommt bei Gleichungen nicht weiter, egal wie oft er Gleichungen übt.
Wann Unterstützung von außen sinnvoll ist
Wenn Sie zwei oder drei der beschriebenen Zeichen wiedererkennen und sich das über mehrere Monate hält, lohnt sich ein Blick von außen. Nicht, weil zu Hause etwas falsch läuft, sondern weil das Suchen der eigentlichen Lücke Erfahrung braucht und weil die Rolle des Elternteils eine andere ist als die der Lehrkraft. Im Einzelunterricht zu Hause lässt sich in den ersten Stunden meist recht schnell sehen, wo der Faden gerissen ist. Ob es dann um Mathematik, um Deutsch oder um die Grundschulzeit geht, entscheidet sich danach.
Und eine Sache zur Beruhigung: Die PISA-Zahl beschreibt einen Jahrgang in einem ganzen Land. Sie sagt nichts darüber, was bei einem einzelnen Kind möglich ist. Lücken, die früh gefunden werden, schließen sich in aller Regel schneller, als Eltern erwarten.
Häufige Fragen von Eltern
Ist eine Leseschwäche dasselbe wie LRS?
Nein. Eine Leseschwäche heißt zunächst nur, dass Ihr Kind hinter dem Stand seiner Altersgruppe liegt, und die Ursachen reichen von zu wenig Übung über Konzentrationsschwierigkeiten bis zu einem späteren Start. Eine Lese-Rechtschreib-Störung ist etwas Eigenes und betrifft nach Angaben des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie etwa 5 bis 8 Prozent der Kinder. Der Unterschied ist wichtig, weil beide unterschiedliche Förderung brauchen. Ausführlich steht das in unserem Beitrag LRS beim Kind.
Mein Kind geht in die Grundschule. Sagt PISA dazu überhaupt etwas?
Direkt nicht, denn getestet werden 15-Jährige. Indirekt schon, weil die Grundlagen, an denen es später fehlt, fast immer in der Grundschule gelegt werden. Für die Berliner Grundschulzeit gibt es eine eigene Rückmeldung, nämlich die Vergleichsarbeiten VERA in Klasse 3 und ab diesem Schuljahr zusätzlich eine Wiederholungstestung in Klasse 4. Wer dort etwas sieht, hat sehr viel Zeit zum Nachsteuern.
Kann ich den Stand meines Kindes selbst feststellen?
Einen groben Eindruck ja, eine Diagnose nein. Lassen Sie sich eine unbekannte Seite aus dem Schulbuch laut vorlesen und anschließend in eigenen Worten erzählen, worum es ging. Stockt das Vorlesen oder bleibt die Nacherzählung vage, ist das ein Hinweis, mehr nicht. Wo genau die Lücke sitzt, zeigt sich erst, wenn jemand systematisch zurückgeht, und dafür braucht es jemanden, der viele Kinder gesehen hat.
Ihr Kind braucht Unterstützung?
Wir finden die Lehrkraft, die fachlich und menschlich zu Ihrem Kind passt, für Nachhilfe bei Ihnen zu Hause in Berlin.
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